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22.05.2012
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Sabrina Fox mit Daisy (Sister)
www.sabrinafox.com
Wenn Tiere wieder kommen ..

Meinen ersten Hund suchte ich mir ganz pragmatisch aus. Ich wollte einen Hund haben, der Kinder mag (unsere Tochter Julia war damals zwei Jahre alt), nicht haart und nicht nervös ist. Nach langem Nachdenken landeten wir bei einem rhodesischen Ridgeback.
 
Wir nannten sie „Sister“, da unsere Tochter Julia ein Einzelkind war. Sister war ein großartiger, ziemlich verfressener  Hund, der auch seiner Abstammung gemäß immer größer wurde. Wir merkten, das passt ihr nicht. Da ich viel auf dem Boden saß, versuchte sie immer wieder verzweifelt auf meinen Schoss zu klettern, was bei ihren mittlerweile über 30 Kilo nicht ganz praktisch war. Auf die Couch durfte sie nicht. Das nahm sie beleidigt zur Kenntnis.
 
Wir hatten zwei Katzen aus dem Tierheim geholt und eine davon, Barney, ein orangefarbiger Riesenkater liebte Sister besonders. Sister hatte ihren Platz in unserer großen Wohnküche, gleich unter einem kleinen Schreibtisch. Sie hatte aufmerksame Augen, die so aussahen, als ob sie sich um etwas Sorgen machen würde. Einmal nahm ich sie zum Camping mit und das jagte ihr solch einen Schrecken ein („Warum haben wir unser schönes Zuhause verlassen?“), dass ich sie danach für drei Wochen nicht mehr ins Auto bekam. Normalerweise liebte sie Autos. Und wenn ich sage, sie liebte Autos, dann meine ich, sie liebte es Autos zu jagen. Rhodesische Ridgebacks waren als Löwenjäger bekannt. Sie laufen vor einen Löwen und schneiden ihm den Weg ab. Als sie dies das erste Mal bei einem amerikanischen Mittelklassewagen machte, blieb mir fast das Herz stehen. Dem Fahrer auch.

Sister starb in unserer Küche zehn Jahre später an Nierenversagen. Jeder nahm Abschied. Als sie starb, kam Barney und stupste noch ein letztes Mal ihre Nase.

Mein Leben hatte sich in diesen zehn Jahren verändert. Ich hatte mich auf die Suche nach Gott und mir selbst gemacht und beides gefunden. So war auch das Sterben für mich ein normaler Prozess des Lebens geworden. Etwas, das man nicht ohne Grund abkürzen muss. Sister war schmerzfrei bis zu ihrem Abschied.

Ein Jahr später wünschte sich Julia wieder einen Hund. Da ich mich mittlerweile verändert hatte, war dieses Mal das Hunde aussuchen völlig anders. Wir wollten einen kleinen Hund aus dem Tierheim. Julia ging aufmerksam an den großen Käfigen vorbei und verliebte sich prompt in eine kleine weißhaarige Mischung.
Dieser kleine Kerl wurde geholt und wir wurden auf eine kleine eingezäunte Wiese gebeten. Dann wurde der Hund freigelassen. Julia war außer sich. Dieser Hund war süß, staksig, einfach rührend. Julia hatte ihn auf dem Schoss, wir schlossen die Augen und sprachen ein Gebet: „Liebe Engel, wenn dieser Hund der richtige Hund für uns ist, dann gibt uns bitte eine Zeichen.“
Der Hund warf einen Blick auf uns, sprang von Julias Schoss herunter und versteckte sich hinter der Frau, die ihn uns gerade gebracht hatte.
Das war ein ziemlich klares Zeichen.

Vom nächsten Tierheim hatten wir schon unsere zwei Katzen geholt und Julia fand zwei kleine Mischlinge. Beide gerade mal ein paar Monate alt. Auch hier sprachen wir wieder unser Gebet und ... beide Hunde verschwanden im Gebüsch.
Julia schaute mich zweifelnd an.
Am nächsten Morgen versuchten wir es nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Mittlerweile hatten wir sämtliche Tierheime besucht und Julia war verzweifelt.
„Mama, es funktioniert nicht!“ rief sie mir zu, als schon wieder ein Hund flüchtend verschwand. „Doch,“ sagte ich, „es funktioniert großartig. Das sind nicht unsere Hunde.“

An diesem Abend lag Julia traurig in ihrem Bett und drückte ihren kleinen Dackel-Stoffhund, den sie schon als Baby bekommen hatte.
Der Gedanke kam hoch, ob wir vielleicht einen Miniatur-Dackel suchen sollten. Ich erkundigte mich nach Züchtern und wir fanden einen bei uns in der Nähe, der auch gerade neue zwei Monate alte Hundebabies zum aussuchen hatte.

Wir fuhren hin. Alle waren braun, bis auf einen. Einen kleinen Schwarzen mit einer braunen Nase und Julia verliebte sich. Sie hatte ihn auf dem Schoss und sie wusste was kommt. „Lass uns nicht die Engel fragen,“ bat sie mich, das Schlimmste befürchten.

„Liebe Engel, wenn dieser Dackel der Richtige für uns ist, dann gib uns bitte ein Zeichen.“
Der Dackel hob den Kopf, sprang von Julias Schoss herunter und verschwand in der kleinen Hunde-Hütte und ward nicht mehr gesehen.

Julia war verzweifelt und den Tränen nahe. „Mama!“ rief sie entsetzt. Ich hoffte auch, dass wir bald einen Hund finden würden.

Da fiel mir ein Welpe auf, der verzweifelt versuchte Julias Aufmerksamkeit zu erregen und fragte sie, was sie denn von dem hielte.
„Er ist braun!“ sagte sie mit allem Abscheu in der Stimme. Sie nahm ihn trotzdem hoch und schaute ihm in die Augen.

„Schau mal Mama, wie ähnlich er Sister schaut.“ Mir waren auch ihre besorgten Augen aufgefallen und der ganze Kopfbau des Dackels sah unserer Sister ähnlich.  „Sollen wir unser Gebet sprechen?“ fragte ich sie. Julia seufzte. I
ch setzte den kleinen Dackel auf meinen Schoss und fragte wieder: „Lieber Engel, wenn dieser Hund für uns der Richtige ist, dann gib uns ein Zeichen.“ Kaum waren wir fertig, rollte sich der Dackel ein und schlief. Endlich! Julia war selig.

Am nächsten Tag holten wir ihn ab. Schon am Eingang sprang er uns entgegen. Da alle Dackel gleich aussahen, haben wir ihn mit einem Filzstift am Ohr markiert. Ja, hier war unsere Daisy.
Wir brachten sie nach Hause. Barney, unser orangefarbener Kater sprang von seinem Lieblingsplatz auf und war wie hypnotisiert von Daisy. Da Barney ungefähr fünfmal so groß wie Daisy war, waren wir nicht ganz sicher, ob sie ihn nicht für eine große Ratte halten würde. Doch Barney leckte Daisy ab, schnurrte und war vor Freude nicht mehr zu halten.

Wir hatten Daisy ein kleines Körbchen gekauft und zeigten ihr, wo ihr Platz in der Küche sein sollte. Drumherum hatten wir einen kleinen Holzzaun wie einen Laufstall (Tonio, wie nennt man das?) aufgestellt, damit sie nicht unbeaufsichtigt durchs Haus oder in den Garten laufen konnte.
Julia spielte mit Daisy in der Küche und ich bereitete das Abendessen vor, als mir ein Geschirrtuch auf dem Boden fiel. Daisy rannte zum Geschirrtuch, steckte es ins Maul und schaute mich lange an. Dann nahm sie das Geschirrtuch und brachte es zu dem kleinen Schreibtisch – weit weg von ihrem Körbchen - und legte es darunter. Sie setzte sich drauf, schaute mich triumphierend an und ich wusste, dass sie mir sagen wollte: „Ich schlafe hier!“

Dann legte sie ihren Kopf elegant auf ihre Pfoten. Genauso wie es Sister immer tat. Julia und ich starrten sie mit offenen Mund an.

„Sister!“ riefen wir gleichzeitig. Barney tauchte auf, schleckte Sister/Daisy ab und gab uns einen „Merkt-ihr-das-jetzt-erst-Blick“.
 
Sister liebt ihr neues Leben als Daisy. Endlich ist sie ein Schoßhund geworden. Verfressen ist sie immer noch. Vielleicht lernt sie das im nächsten Leben.
 
Herzlichst Sabrina Fox

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